MINT-Leitfaden: Naturwissenschaftliche Bildung im Ganztag
MINT-Leitfaden: Naturwissenschaftliche Bildung im Ganztag
Zielgruppe: Fachkräfte und Betreuer:innen in der Ganztagsbetreuung Geltungsbereich: DiGuLa – MINT-Materialsammlung Stand: März 2026
1. Vision: MINT-Bildung als Schlüsselkompetenz
Kinder sind von Natur aus neugierig. Sie beobachten, fragen, experimentieren – lange bevor sie zur Schule kommen. Diese natürliche Forscherhaltung aufzugreifen und gezielt zu fördern ist die Kernaufgabe der MINT-Bildung im Ganztag.
Was MINT im Ganztag leistet:
- Stärkt Problemlösekompetenz und kritisches Denken
- Fördert Ausdauer, Frustrationstoleranz und Resilienz
- Eröffnet Kindern Zugänge zu ihrer Lebenswelt
- Legt Grundlagen für spätere Bildungs- und Berufswege
- Verbindet Schule und außerschulisches Lernen sinnvoll
Besonderheit der Ganztagsbetreuung: Im Gegensatz zum Unterricht steht im Ganztag kein Lehrplan im Mittelpunkt. Das schafft Raum für echtes, selbstgesteuertes Forschen – ohne Zeitdruck, ohne Noten, mit Freude am Entdecken.
2. BEP-Verankerung: Bildungsbereiche mit MINT-Bezug
Der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan (BEP) für Kinder von 0 bis 10 Jahren bildet die pädagogische Grundlage aller DiGuLa-MINT-Materialien.
2.1 Starke Kinder
- Kinder erleben sich als kompetent und selbstwirksam
- Eigene Ideen umsetzen, Experimente eigenständig durchführen
- Scheitern als Lernchance begreifen
- MINT-Bezug: Kinder, die selbst forschen, erleben direkte Selbstwirksamkeit
2.2 Kommunikationsfreudige und medienkompetente Kinder
- Naturwissenschaftliche Beobachtungen versprachlichen
- Hypothesen formulieren und begründen
- Ergebnisse dokumentieren (Zeichnen, Schreiben, Fotografieren)
- Fachbegriffe altersgerecht einführen
- MINT-Bezug: Forscherprotokolle, Präsentationen, Fachgespräche in der Gruppe
2.3 Lernende, forschende und entdeckungsfreudige Kinder
- Forschendes und entdeckendes Lernen als Grundhaltung
- Fragen stellen, Vermutungen prüfen, Erkenntnisse gewinnen
- Alltagsphänomene wissenschaftlich durchdringen
- MINT-Bezug: Direkte Entsprechung – der gesamte Forscherkreis ist hier verankert
2.4 Weitere BEP-Bereiche mit MINT-Bezug
| BEP-Bereich | MINT-Verbindung |
|---|---|
| Kreative Kinder | Bauen, Konstruieren, Gestalten |
| Gesunde Kinder | Ernährung, Körper, Gesundheitswissen |
| Kinder, die sich Werte und Normen erschließen | BNE, Verantwortung für Umwelt |
3. Methodik: Der Forscherkreis der Stiftung Kinder forschen
Die Stiftung Kinder forschen (ehemals Haus der kleinen Forscher) bietet eine wissenschaftlich fundierte und in der Praxis erprobte Methodik für naturwissenschaftliches Lernen im Elementar- und Primarbereich.
Der Forscherkreis umfasst 6 Phasen:
- Frage stellen – Ausgangspunkt ist immer die Frage der Kinder
- Vermutungen sammeln – Was glauben wir? Warum?
- Ausprobieren – Das Experiment planen und durchführen
- Beobachten – Genau hinschauen, was passiert
- Dokumentieren – Festhalten, was wir gesehen haben
- Reflektieren – Was haben wir gelernt? Neue Fragen?
Der vollständige Forscherkreis ist in forscherkreis.md beschrieben.
4. Ko-konstruktive Lernbegleitung
Die Fachkraft ist nicht Instruktor, sondern Lernbegleiterin.
Grundhaltung
- Auf Augenhöhe: Die Fachkraft forscht mit, nicht vor
- Echte Neugier: Eigenes Nicht-Wissen als Chance zeigen
- Impulse statt Antworten: Fragen stellen, nicht erklären
- Prozess vor Ergebnis: Der Weg des Forschens ist das Ziel
Was ko-konstruktive Begleitung bedeutet
| Instruktion (vermeiden) | Ko-Konstruktion (anstreben) |
|---|---|
| "Schau mal, wenn du das so machst..." | "Was glaubst du, was passiert, wenn...?" |
| "Das Ergebnis ist falsch." | "Interessant – wie erklärst du dir das?" |
| "Ich zeige euch jetzt..." | "Was könnten wir als nächstes ausprobieren?" |
| Fertige Antworten liefern | Gemeinsam nachschlagen, recherchieren |
Impulsfragen für Fachkräfte
- Was beobachtest du gerade?
- Was denkst du, warum das so ist?
- Was würde passieren, wenn wir das ändern?
- Wie könnten wir das herausfinden?
- Was überrascht dich dabei?
5. Differenzierung: Klasse 1/2 und 3/4
Alle DiGuLa-MINT-Materialien sind differenziert für zwei Altersgruppen aufbereitet.
Klasse 1/2 (ca. 6–8 Jahre)
- Kurze Experimente (max. 20 Minuten)
- Viele Bilder, wenig Text
- Konkrete, sichtbare Phänomene
- Einfache Materialien, direkte Handlungsorientierung
- Ergebnisse durch Zeichnen dokumentieren
Klasse 3/4 (ca. 8–10 Jahre)
- Komplexere Versuchsaufbauten möglich
- Schriftliche Dokumentation (Forscherprotokoll)
- Verknüpfung mit mathematischen Konzepten (Messen, Schätzen, Vergleichen)
- Ergebnisse begründen und präsentieren
- Querverbindungen zum Sachunterricht herstellen
Gemeinsame Aktivitäten
Viele Experimente eignen sich für jahrgangsgemischte Gruppen. Ältere Kinder übernehmen dann Verantwortung für jüngere – ein zusätzlicher Lerngewinn.
6. BNE-Integration: Bildung für nachhaltige Entwicklung
MINT-Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gehören zusammen.
BNE-Dimensionen im MINT-Kontext:
- Ökologie: Naturbeobachtung, Umweltschutz, Ressourcenverbrauch verstehen
- Ökonomie: Kosten-Nutzen-Denken, Recyclingmaterialien einsetzen
- Soziales: Gemeinsam forschen, Verantwortung übernehmen
Konkrete BNE-Anknüpfungspunkte:
- Experimente mit Wasser → Wasserknappheit thematisieren
- Luftverschmutzung sichtbar machen
- Solarenergie einfach erfahrbar machen
- Kompostierung und Kreislaufwirtschaft erleben
BNE ist kein Extra – es wird in geeigneten Materialien mitgedacht und in den Reflexionsphasen verankert.
7. DiGuLa-Besonderheit: MINT-Zentrum und Outdoor-MINT
MINT-Zentrum FamilienCampus
Der FamilienCampus bietet besondere Rahmenbedingungen für MINT-Bildung:
- Fester MINT-Bereich mit Grundausstattung (siehe
materialliste-grundausstattung.md) - Gerätepool für alle Gruppen nutzbar
- MINT-Expertengruppe koordiniert das Angebot
Outdoor-MINT
Naturerkundung vor Ort als eigenständiger MINT-Zugang:
- Schulgelände als Lernort: Insektenhotel, Hochbeet, Wettermessstation
- Jahreszeiten als Struktur: Was verändert sich wann?
- Beobachtungsbogen Natur (siehe
beobachtungsbogen-natur.md) - Verbindung mit Sachunterricht-Themen (Lebensraum, Jahreszeiten)
Kontinuität über die Woche
- MINT-Angebote regelmäßig (mindestens 1x wöchentlich) einplanen
- Langzeitbeobachtungen über mehrere Wochen ermöglichen (z. B. Pflanzenwachstum)
- Forscherprotokolle sammeln → Lernportfolio sichtbar machen
8. Qualitätssicherung
Alle Materialien in der DiGuLa-MINT-Sammlung durchlaufen die 10-Punkte-Qualitätscheckliste (siehe qualitaetscheckliste.md).
Freigabe: Materialien werden erst nach Prüfung durch eine MINT-erfahrene Fachkraft freigeschaltet.
DiGuLa MINT-Materialsammlung | Hessischer BEP | Stiftung Kinder forschen