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Der Forscherkreis: Methodik der Stiftung Kinder forschen

Der Forscherkreis: Methodik der Stiftung Kinder forschen

Zielgruppe: Fachkräfte und Betreuer:innen in der Ganztagsbetreuung Quelle: Stiftung Kinder forschen (ehemals Haus der kleinen Forscher)


Überblick

Der Forscherkreis ist das methodische Herzstück der Stiftung Kinder forschen. Er beschreibt, wie Kinder naturwissenschaftliche Phänomene selbstständig und strukturiert erkunden. Die sechs Phasen bilden einen Kreislauf – jede Reflexion wirft neue Fragen auf, die den nächsten Forschungsprozess starten.

     Frage stellen
          ↓
   Vermutungen sammeln
          ↓
      Ausprobieren
          ↓
       Beobachten
          ↓
     Dokumentieren
          ↓
      Reflektieren
          ↓
   (neue Frage stellen)

Wichtig: Der Forscherkreis ist kein starres Schema. Phasen können sich überschneiden, wiederholen oder situativ angepasst werden. Entscheidend ist, dass Kinder aktiv und selbstbestimmt forschen.


Phase 1: Frage stellen

Was passiert in dieser Phase?

Der Ausgangspunkt jedes Forschungsprozesses ist eine echte Frage – am besten eine, die Kinder selbst mitbringen oder die durch einen Impuls entsteht.

Gute Forscherfragen: - Sind konkret und in einer Experimentierstunde beantwortbar - Entstehen aus Alltagsbeobachtungen der Kinder - Beginnen häufig mit „Was passiert, wenn...?" oder „Warum...?"

Schlechte Forscherfragen (zu weit oder zu geschlossen): - „Wie funktioniert die Erde?" → zu breit - „Sinkt Holz?" → Ja/Nein-Frage, kein Forschungsprozess

Rolle der Fachkraft in Phase 1

  • Impulse geben, z. B. durch ein Alltagsphänomen (Warum beschlägt das Fenster?)
  • Kinder zum Nachdenken anregen, nicht selbst die Frage formulieren
  • Offene Fragen sammeln lassen, dann gemeinsam eine auswählen
  • Kinder ernst nehmen: Auch „komische" Fragen sind valid

Impulsfragen für Fachkräfte: - „Was habt ihr letzte Woche beobachtet, das ihr euch nicht erklären konntet?" - „Welche Frage beschäftigt euch gerade?" - „Was würde passieren, wenn...?"


Phase 2: Vermutungen sammeln

Was passiert in dieser Phase?

Bevor das Experiment startet, formulieren Kinder ihre Vermutungen. Das ist entscheidend, denn: Wer eine Vermutung hat, beobachtet genauer.

So werden Vermutungen gesammelt: - Jedes Kind nennt eine Vermutung (keine wird bewertet oder verworfen) - Vermutungen auf Moderationskarten schreiben oder zeichnen lassen - Häufige Vermutungen sichtbar machen (Strichliste) - Unterschiedliche Vermutungen stehen lassen – das Experiment wird zeigen, wer Recht hat

Rolle der Fachkraft in Phase 2

  • Alle Vermutungen gleichwertig behandeln
  • Nicht verraten, was „richtig" ist – auch wenn man es weiß
  • Begründungen einfordern: „Warum glaubst du das?"
  • Eigene Vermutung formulieren (ko-konstruktiv mitforschen)

Impulsfragen für Fachkräfte: - „Was glaubst du, was passieren wird?" - „Warum denkst du das?" - „Ist das eine andere Meinung als die von Max? Wer hat Recht – was meint ihr?"


Phase 3: Ausprobieren

Was passiert in dieser Phase?

Kinder führen das Experiment selbst durch. Diese Phase ist das Herzstück des Forschens.

Prinzipien beim Ausprobieren: - Kinder handeln selbst – die Fachkraft assistiert, führt nicht vor - Fehler gehören dazu und werden nicht korrigiert, sondern beobachtet - Variationen sind erlaubt: Was passiert, wenn wir das ändern? - Wiederholungen sind sinnvoll, um Zufälle auszuschließen

Vorbereitung durch die Fachkraft: - Materialien bereitstellen (nicht mehr als nötig) - Sicherheitshinweise vorher besprechen - Arbeitsgruppen einteilen (max. 3–4 Kinder pro Experiment) - Zeitrahmen kommunizieren

Rolle der Fachkraft in Phase 3

  • Beobachten, nicht eingreifen (außer bei Sicherheitsrisiken)
  • Fragen stellen, wenn Kinder nicht weiterkommen
  • Kinder ermutigen, es selbst herauszufinden
  • Eigene Beobachtungen mit Kindern teilen: „Ich sehe gerade, dass... was denkst du?"

Impulsfragen für Fachkräfte: - „Was machst du gerade genau?" - „Was passiert, wenn du noch mehr davon nimmst?" - „Versuche es noch einmal – bekommst du das gleiche Ergebnis?"


Phase 4: Beobachten

Was passiert in dieser Phase?

Kinder beobachten gezielt, was während des Experiments passiert. Beobachten ist eine Kompetenz, die geübt werden muss.

Qualität der Beobachtung steigern durch: - Alle Sinne einbeziehen: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen (Schmecken nur bei Lebensmitteln) - Präzise Sprache einüben: „Es wird dunkler" statt „Es verändert sich" - Unerwartetes explizit benennen: „Das hätte ich nicht erwartet!" - Beobachtungen von Erklärungen trennen: Erst beschreiben, dann erklären

Rolle der Fachkraft in Phase 4

  • Kinder zum genauen Hinschauen anleiten
  • Sprachliche Formulierungen modellieren: „Ich beobachte, dass..."
  • Aufmerksamkeit auf Details lenken, die Kinder übersehen
  • Dokumentation einleiten (überleiten zur nächsten Phase)

Impulsfragen für Fachkräfte: - „Was siehst du genau?" - „Beschreibe es so, dass jemand, der nicht dabei war, es versteht." - „Was überrascht dich?" - „Verändert sich etwas? Wie?"


Phase 5: Dokumentieren

Was passiert in dieser Phase?

Kinder halten ihre Beobachtungen und Ergebnisse fest. Dokumentation macht Erkenntnisse sichtbar und sicherbar.

Dokumentationsformen je nach Alter:

Altersgruppe Geeignete Dokumentationsformen
Klasse 1/2 Zeichnungen, Stempel, Fotos, Spracheingabe
Klasse 3/4 Forscherprotokoll (schriftlich), Tabellen, Zeichnungen + Text
Alle Gemeinsame Dokumentation auf großem Papier (Plakat)

Das Forscherprotokoll (Vorlage): Siehe forscherprotokoll-vorlage.md

Rolle der Fachkraft in Phase 5

  • Schreibschwächere Kinder unterstützen (Verbaldiktate möglich)
  • Dokumentation wertschätzen – auch unvollständige Protokolle zeigen Lernfortschritt
  • Vorlagen bereitstellen, aber nicht vorschreiben
  • Portfolios anlegen: Protokolle sammeln, Lernentwicklung sichtbar machen

Impulsfragen für Fachkräfte: - „Wie kannst du anderen zeigen, was du herausgefunden hast?" - „Zeichne, was du gesehen hast." - „Schreibe auf, was dich überrascht hat."


Phase 6: Reflektieren

Was passiert in dieser Phase?

Kinder bringen das Experiment mit ihrer Ausgangsvermutung in Verbindung. Was haben wir herausgefunden? Hatten wir Recht? Warum oder warum nicht?

Elemente der Reflexionsphase: - Ausgangsvermutungen wieder hervorholen und vergleichen - Ergebnis gemeinsam formulieren (auch wenn unklar: „Wir wissen jetzt, dass...") - Neue Fragen identifizieren, die entstanden sind - Bezug zur Lebenswelt herstellen: Wo begegnet uns das im Alltag? - Bei BNE-Materialien: Was bedeutet das für uns? Was können wir tun?

Rolle der Fachkraft in Phase 6

  • Zusammenfassung moderieren, nicht dominieren
  • Auch „falschen" Vermutungen Würde lassen: Irrtum als Teil des Lernens
  • Neue Fragen der Kinder aufgreifen und für den nächsten Forscherkreis notieren
  • Überleitung zu Sachunterrichtsthemen möglich

Impulsfragen für Fachkräfte: - „Was haben wir herausgefunden?" - „Hattest du Recht mit deiner Vermutung? Was war anders?" - „Welche neuen Fragen hast du jetzt?" - „Wo begegnet uns das in unserem Alltag?" - „Was würdest du nächstes Mal anders machen?"


Beispiel-Durchlauf: „Warum schwimmt manche Dinge und andere sinken?"

Materialien: Wasserbecken (Wanne), verschiedene Alltagsgegenstände (Münze, Korken, Apfel, Stein, leere Plastikflasche, Knete), Forscherprotokoll

Phase 1 – Frage stellen

Die Fachkraft bringt eine Schüssel Wasser und verschiedene Gegenstände mit. Impuls: „Ich habe hier verschiedene Sachen mitgebracht. Was denkt ihr: Was passiert, wenn ich die ins Wasser lege?" Kinder formulieren: „Warum schwimmen manche Sachen und manche gehen unter?"

Phase 2 – Vermutungen sammeln

Jedes Kind bekommt Moderationskarten. Aufgabe: „Schreib oder zeichne deinen Tipp – was schwimmt, was sinkt?" Vermutungen werden an einem Plakat gesammelt: Viele tippen, dass schwere Sachen sinken. Ein Kind hat schon mal beobachtet, dass ein Schiff schwimmt, obwohl es sehr schwer ist.

Phase 3 – Ausprobieren

Kinder testen in Kleingruppen jeden Gegenstand. Sie dürfen auch die Knete in verschiedene Formen bringen (Kugel vs. Schüssel).

Phase 4 – Beobachten

Die Knete als Kugel sinkt. Als Schüssel geformt schwimmt sie. Fachkraft: „Beschreib mir genau, was du siehst. Was hat sich verändert? Nur die Form – aber was ist noch gleich geblieben?"

Phase 5 – Dokumentieren

Kinder zeichnen: welche Gegenstände schwimmen, welche sinken. Klasse 3/4 füllt Forscherprotokoll aus.

Phase 6 – Reflektieren

Vergleich mit den Ausgangsvermutungen: Gewicht allein entscheidet nicht. Form und Volumen spielen eine Rolle. Neue Frage der Kinder: „Warum kann ein Schiff aus Metall schwimmen?" BNE-Anknüpfung: „Was passiert, wenn zu viel Gewicht in ein Schiff geladen wird?"


Tipps für den Einstieg

Für Fachkräfte, die den Forscherkreis zum ersten Mal nutzen:

  1. Klein anfangen: Ein einfaches Experiment mit wenig Material (z. B. Wasser + Pfeffer + Spülmittel)
  2. Eigene Neugier zeigen: „Ich weiß auch nicht, was passiert – lass uns gemeinsam schauen"
  3. Perfektionismus ablegen: Ein unvollständiger Forscherkreis ist besser als keiner
  4. Kinder überraschen lassen: Ergebnisse nicht vorab verraten
  5. Fehler feiern: „Super, das war unerwartet – warum ist das wohl passiert?"

Häufige Herausforderungen:

Problem Lösung
Kinder wollen sofort loslegen, nicht vermuten Vermutungsphase spielerisch gestalten (Wettbetonungsschätzung)
Ergebnis nicht eindeutig „Wir haben etwas Wichtiges gelernt: manchmal ist das Ergebnis unklar – was müssten wir noch herausfinden?"
Kinder verlieren Interesse Experiment verkürzen, Variante anbieten, Pause einbauen
Fachkraft kennt die Erklärung nicht Gemeinsam nachschlagen – das ist ko-konstruktiv!

Verbindung zum BEP

Der Forscherkreis entspricht dem BEP-Bildungsbereich „Lernende, forschende und entdeckungsfreudige Kinder" vollständig:

  • Kinder beobachten gezielt und entwickeln Erklärungsansätze
  • Kinder planen und führen einfache Experimente durch
  • Kinder teilen ihre Erkenntnisse mit anderen
  • Fachkräfte begleiten ko-konstruktiv und schaffen forschungsfreundliche Umgebungen

Zusätzliche BEP-Bereiche, die durch den Forscherkreis angesprochen werden: - Kommunikationsfreudige Kinder: Vermutungen formulieren, Ergebnisse präsentieren - Starke Kinder: Selbstwirksamkeit durch eigenständiges Forschen - Kreative Kinder: Experimente variieren, neue Ideen entwickeln


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